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Mein Hund    
 
   
 

 

Eines Tages zeigte mir eine Bekannte voller Stolz ihren neuen Hund. Ich erschrak über den Zustand des Welpen. Eigentlich hätte mir ein pummeliger Beaglewelpe entgegen kommen sollen. Statt dessen wackelte vor mir ein dünnes Wesen mit der Rute, bei dem man jede Rippe und zählen und jeden Dornfortsatz der Wirbelsäule sehen konnte. Der Züchter oder eher Vermehrer aus Castrop-Rauxel hatte wohl reichlich am Futter gespart. Aber trotz allem war sie gesund und munter. Da es der erste Hund dieser Familie war, bot ich meine Hilfe an.

Obwohl Lucy fleißig lernte und sich gut entwickelte, wurde sie doch zunehmend durch ihr Temperament eine Belastung für die Familie. Die Hündin war zu energiegeladen für diesen vergleichsweise eher ruhigen Haushalt. Sie war eben sehr niedlich, aber das war keine Basis für eine 12-16 Jahre andauernde Beziehung. Gemeinsam vermittelten wir Lucy übergangsweise zu einem jungen Paar mit einer Jack-Russel-Mischlingshündin. Wir wollten keinen Wanderpokal aus ihr machen, aber es musste herraus gefunden werden, was für den Hund das Richtige war. Und meine Situation war dafür äußerst ungeeignet. Aber das Abenteuer endete noch lange nicht.

Hier paßte das Temperament. Alles schien gut zu enden. Telefonisch blieb ich in Kontakt und bekam sozusagen aus erster Quelle Lucys weitere Attentate auf die menschliche Rasse mit.

 

Was auch immer Sie jemals in einem Hundebuch gelesen haben, was Hunde anstellen können, Lucy toppte garantiert alles. Sie hatte reichlich Bewegung, eine Spielgefährtin, gutes Futter, jede Menge Liebe und so sah die Quittung aus:

 

Ging Kathrin nach ausgiebigem Spaziergang unverschämter Weise  20 min. einkaufen, so lag danach ein Haufen direkt hinter der Tür. Und was passiert, wenn man diese nun nach innen öffnet? Der Haufen sah aus wie Crêpeteig. Nachts mußte sie in einer Kiste schlafen, weil sonst am anderen Morgen eine Komplettrenovierung nötig gewesen wäre. Aus dieser Kiste, einer luftigen Gitterbox, hat sie regelmäßig in hohem Bogen heraus in den Raum selbstproduzierte Tretminen gefeuert. Daß erwachsene Hunde ihr Nest nicht beschmutzen hatte dieser Hund auch noch nie gehört. Die Kiste sah trotz mehrfach am Tag erfolgter Reinigung aus, wie ein Katzenklo nach 3 wöchiger Reinigungsabstinenz. Ein Jahr später war sie immer noch nicht ganz stubenrein. Alle Tricks schlugen fehl.

Besonders interessant waren 2 Begebenheiten:

Lucy durfte sich die Couch mit den Menschen teilen. Aber diesmal hatte sie sich so breit gemacht, daß Kathrin keinen eigenen Sitzplatz mehr fand. Lucy mußte weichen. Schmollend zog sie sich ins Körbchen zurück. (Für gewöhnlich vermeide ich jegliche Art von Vermenschlichung, aber dieser Hund war irgendwie anders.) Etwa 10 Minuten später mußte der Mensch auf die Toilette. Nun saß die Kathrin ja sozusagen fest. Lucy spazierte ins Bad und pinkelte ihr in aller Ruhe auf den Fuß. Sie können es Zufall nennen, oder mich auslachen und abwinkend die Seite verlassen. Aber ein merkwürdiger Beigeschmack bleibt doch…Hunde kennen keine Rache,…oder…?

Es kam auch vor, wenn es Lucy nicht schnell genug vor dem Spaziergang ging und Kathrin unbedingt selbst noch vorher auf das stille Örtchen mußte, Lucy kurzerhand direkt in die Dusche ging und in den Ausfluß pinkelte. Wir waren so verwirrt, daß es als gutes Zeichen auf dem Weg in die Stubenreinheit gefeiert wurde. Aber das wäre ja zu einfach gewesen!

Ein anderes Mal durfte Lucy nach dem Kochen den Holzlöffel mit der Soße ablecken. Am Nachmittag hatte der liebe Hund wohl Langeweile. Sie kletterte erst auf den Küchenstuhl, dann auf den Tisch, auf die Arbeitsplatte, öffnete mit der Pfote die Schublade und angelte sich den Löffel. Leider war er inzwischen gesäubert. Nun, dann zerlegte sie ihn eben kurzerhand in kleine Stücke. Später mußte gerätselt werden, was die Holzreste mal darstellen sollten. Und das alles, ohne daß die anwesenden etwas merkten. Heute weiß ich, wie leise ein Beagle sein kann, wenn er will.

Durch einen Umzug und der wenig erquicklichen Vorstellung von Lucy zwischen Farbeimern, kam Lucy nun zu mir Ich hatte zwar noch ein Kindergartenkind und keinen Garten, aber der Ehrgeiz hatte mich mittlerweile gepackt. Dieser kleine Hund sollte mich nicht an der Nase herum führen.

Am ersten Tag ist sie nur gerannt. Tatsächlich! Immer hin und her in der Wohnung. Ich mußte sie anleinen weil ich mir ernsthafte Sorgen um ihr Herz machte.

Am nächsten Tag schlief sie. Den ganzen Tag. Zum Lösen mußte ich sie überreden. Dann kam sie endlich dazu, sich umzusehen. Sie kam zur Ruhe, aber wir nicht!

 

Sie klaute Essen vom Tisch und stand dabei mit allen Vieren auf dem Tisch und schlabberte meine Suppe weg. „Iß was?“ schien sie zu sagen. Sie zerrte an der Leine, sie zerbiß die Spielsachen meines Sohnes, sie legte sich mit allen Hunden in der Umgebung an, egal welcher Größe, sie bellte das ganze Haus zusammen wenn ich nur zum Briefkasten ging, von Stubenreinheit war sie weit entfernt. Sie sprang uns an, schlug höllisch an, selbst wenn nur das Telefon klingelte. Sie stahl Socken und Schuhe und trank und fraß so unsauber, daß ich sie auf dem Balkon füttern mußte. Natürlich holte sie das Seramis aus den Pflanzkübeln und fraß draußen alles, was ekelig war.

Aber sie war auch 1000% kinderlieb. Sie stand Schmiere wenn mein Kind Unsinn machte. Und abends, wenn er schlief und wir die letzte Runde liefen, kontrollierte sie zu erst seine Atmung, wenn wir wieder zurück kamen. Ja wirklich. Er schlief in Bodennähe und sie legte den Kopf mit halbgeschlossenen Augen neben sein Gesicht. Nach einer kleinen Weile ging sie zufrieden aus dem Zimmer. Alle Kinder zwischen Neugeboren und Teenie waren ihre Helden. Ich glaube, das bewahrte sie vor dem Kochtopf.

Ich übte und übte. Alle Tricks, die ich kannte verrauchten zu Nichts. Ich mußte alles neu überdenken. Dieser Intelligenz hatte ich kaum etwas entgegen zu setzen. Hatte ich etwa meinen Meister gefunden? Trotzdem konnte ich in 3 Wochen mehr Erfolg vorweisen, als gedacht. Lucy fühlte sich wohl und wollte wohl bleiben. Und so zog sie nach langem Hin und Her bei uns ein. Aus Lucy wurde, auch bedingt durch andere Umstände, Ronja.

Klicker, Schleppleine, Pfeife, Geduld, Leckerchen, üben, üben, üben. Ich ging fast die Wände hoch.

Ich sprach mit Jägern, holte alle Fachliteratur wieder hervor, überdachte jede Situation von allen Seiten. Nichts schien zu helfen. Hatte sie etwas 3 Wochen mit Feuereifer gelernt, so stellte sie mich danach 1 Monat lang auf die Probe, ob ich das denn wohl auch wirklich ernst meinte. Alles schien vergessen. Ich fragte andere Hundeschulen telefonisch um Rat. Eine erstaunliche Erfahrung. Einige legten bei dem Wort Beagle sofort wieder auf! Andere waren so scharf darauf sie zu sehen, als wäre sie eine Creatur vom Mars.

Was am Ende half? Humor! Und ich glaube, das ist das Elementarste, was mir dieser Hund zu sagen hatte. Stück für Stück kratzte mir dieser kleine 11 Kg schwere Hund auch den letzten Rest Stolz ab. Ich glaubte, gar nichts mehr zu können. Am Ende war nur noch ich als Mensch, der Trainer war verschwunden. Und endlich konnte ich aufhören, zu erziehen. Jetzt sah ich nur noch das Wesen Hund. Wie quirlig und lustig sie sein konnte.  Alle Menschen in der Umgebung schmolzen dahin, so charmant war sie. Kinder konnten sie Bedingungslos anfassen. Sie war ein guter Laune Hund und ein echter Clown. Und siehe da, plötzlich begegneten wir uns beide mit Respekt. Ich ließ auch mal Fünfe gerade sein und die Leichtigkeit in unserer Beziehung hielt Einzug. Aus Lucy wurde endlich Ronja.

Das Schlüsselerlebnis wurde ein großes Beagletreffen.

Organisiert von Ronjas Pflegefrauchen. Der Beaglevirus hatte sie nicht mehr losgelassen und mittlerweile hatte sie einen neuen Beagle aus einem Labor aufgenommen. Sie engagierte sich bei der Laborbeaglehilfe und veranstaltete regelmäßig große Treffen. Es ist ein umwerfendes Erlebnis, Meutehunde in der Meute zu erleben. Und Ronja benahm sich tadellos! Sie suchte sogar zwischen den 30 Hunden nach mir, ich war selig.

Danach ging alles um vieles leichter. Ronja wurde 12 Jahre alt. Wir hatten noch viele bücherfüllende Erlebnisse. Natürlich stand auch ich zähneknirschend am Feldrand, während die Leine nutzlos in meiner Hand baumelte.

Mit der Zeit wurden wir ein Team. Sie konnte frei laufen und bei Familienfesten muß ich sie nicht mehr zu Freunden ausquartieren.  Sie war ein toller Hund und ich war stolz auf sie. Was ich gelernt habe? Das Wesen des Hundes nicht aus den Augen zu verlieren. Ständig Flexibilität bei der Vorgehensweise zu beweisen, selbst mitten in der Übungseinheit. Die Vorlieben des Hundes zu nutzen. Und nie den Spaß dabei zu verlieren, sonst setzt sich alles fest und es folgt nur Frust. Dennoch gilt: ein guter Grundgehorsam ermöglicht erst die Freiheit des Hundes.

 

 

Und hier noch schnell ein Rat am Rande:

Beagle sind keine Familienhunde!

Sie sind nicht niedlich!

Sie sind nicht knuddelig!

Sie sind seid Generationen äußerst selbstständige Jäger. Sie treiben, hetzten, stellen und schlagen. Sie brauchen keinen Menschen. Der Mensch läuft nur hinterher. Sie bilden mit dem Menschen von Natur aus kein Team. Wozu, sie können alles alleine. Sie sind für Anfänger nicht geeignet! Ronjas Geschichte ist keine Seltenheit!

Mein Wochenpensum, um aus Ronja einen ausgeglichenen Hund zu machen, sah zum Beispiel so aus:

Jeden Tag andere Wege laufen. Unterwegs klettern, über Bäume oder Böschungen rauf und runter. Jeden Tag Hunde treffen, vorzugsweise in einer Meute. Zum Programm gehört Freilauf mit Fangspielen, Tricks aus Dogdancing, Nasenspiele (Aus den Baumwurzeln wachsen Leckerli!), Übungen aus dem Bereich der Blindenführhunde, Geschicklichkeitsspiele mit Elementen aus Agility, Gehorsamstraining, Stadtgänge, Busfahren, Restaurantbesuche, Zoobesuche und jede Menge Streicheleinheiten. Ich hatte noch nie mit einem Hund so viel Arbeit. Aber auch noch nie so viel Spaß!  Und das zählt am Ende. Denn haben wir uns nicht deshalb einen Hund zugelegt?

 

 

   
  © 2010 Vera Reimann, alle Rechte vorbehalten